In einer der letzten Folgen des hörenswerten Podcasts von Fabian Lehr, geht der Host der Frage nach: „Kommt bald die KI-Apokalypse?“ Die Folge hallt immer noch in mir nach. Lehr spricht nicht von Terminator-Szenarien oder autonomen Waffensystemen, die uns physisch bedrohen. Es geht um etwas Subtileres, das uns Kreative im Mark trifft. Es geht um die Entwertung dessen, was wir als menschliche Schöpfungshöhe betrachten. Lehr argumentiert, dass die breite Masse schon heute kaum noch unterscheiden kann, ob ein Musikstück von einem Menschen komponiert oder von einer KI generiert wurde. Laut einer Deezer-Studie scheitern 97% der Hörer:innen daran, den Ursprung zu erkennen. Soweit der Status quo.
Der Begriff „AI Slop“ macht im Netz die Runde. Er beschreibt die Flut an generierten Inhalten, die unsere Feeds verstopfen. Texte, Bilder, Videos – massenhaft produziert, gut genug für den flüchtigen Konsum. Oft heißt es, die Sachen seien seelenlos. Stimmt auch häufig. Waren sie aber vorher vielfach auch schon. Sie sind jedenfalls nicht von Menschenhand erschaffen. Doch interessiert das den Konsumenten? Die harte Wahrheit lautet: Wahrscheinlich nicht. Gebrauchskunst im Massenmarkt wird in naher Zukunft fast ausschließlich KI-generiert sein. Die Hintergrundmusik im Fahrstuhl, das generische Stock-Foto auf der Webseite, der durchschnittliche Werbetext. Warum sollte jemand dafür Menschen bezahlen, wenn Algorithmen es schneller und billiger liefern?
Die Nische für zertifizierte Bio-Kunst
Dieser Gedanke schmerzt. Er greift unser Selbstverständnis an, dass Kunst und Kreativität exklusiv menschliche Domänen sind. Doch dieser Schmerz wird nachlassen. Wir gewöhnen uns an alles. Es wird wahrscheinlich eine Entwicklung geben, die wir aus der Lebensmittelindustrie kennen. Dort gibt es den Massenmarkt für hochverarbeitete Industrieware und die (zum Glück wachsende) Nische für Bio-Produkte. Übertragen auf die Kultur bedeutet das: Es wird einen Markt für „menschengemachte, zertifizierte Bio-Kunst“ geben.
Dieses Segment wird exklusiv sein. Es wird teurer sein. Es wird dem Status dienen, zu sagen: „Das hier hat ein echter Mensch gemalt.“ Aber für den Alltag? Für die Berieselung nebenbei? Da wird die Herkunft irrelevant. Wenn die Qualität der KI-Erzeugnisse so hoch ist, dass der Unterschied nicht mehr wahrnehmbar ist, bricht das Argument der „menschlichen Seele“ für den Massenmarkt zusammen. Wir romantisieren den Schaffensprozess, doch oft genug zählt schlicht das Ergebnis.
Wenn das Hobby unter Generalverdacht steht
Ein Aspekt von Lehrs Analyse hat mich besonders getroffen. Es ist die Frage nach der Motivation für das eigene kreative Schaffen jenseits des Marktes. Das Hobby. Wir sagen oft: „Dann machst du Musik eben nur für dich.“ Aber ist das so einfach? Stellen Sie sich vor, Sie üben jahrelang Klavier. Sie erreichen ein gehobenes Niveau. Sie laden Ihre Komposition hoch oder spielen sie Freunden vor. Und dann kommt die Frage, die wie ein Vorwurf klingt: „Ist das echt oder KI?“
Sobald handwerkliche Exzellenz nicht mehr als Beweis für menschliche Hingabe taugt, sondern als Indiz für einen gut formulierten Prompt gelten könnte, geht etwas verloren. Die soziale Anerkennung für die Mühsal des Lernens schwindet. Der Ausruf „Wow! Das könnte ich so nicht!“ wird verschwinden – weil jeder alles erschaffen kann, oder es zumindest so einfach ist, dass ein künstlerisches Werk niemanden mehr beeindruckt. Warum hunderte Stunden üben, wenn das Ergebnis sofort unter den Generalverdacht der Automatisierung fällt? Diese psychologische Hürde wird viele davon abhalten, überhaupt erst anzufangen. Die KI-Apokalypse ist vielleicht kein großer Knall. Sie ist das leise Verstummen der menschlichen Ambition in der Breite.
Wir müssen uns dieser Realität stellen. Nicht mit Pessimismus, sondern mit einer klaren Strategie. Wer heute kommuniziert, schreibt oder gestaltet, muss wissen, wo sein menschlicher Mehrwert liegt.
Kommt die Gegenbewegung?
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Ausdruck in handwerklicher und künstlerischer Form letztendlich triumphiert. Wir müssen uns zwingen, weiter teilzuhaben und nicht nur passiv zu konsumieren. An Punkten wie diesen wird zunehmend deutlich, wie stark die technologischen Entwicklungen den Kern unseres Menschseins angreifen. Wir feiern oft den Fortschritt, hören, dass für Fortschritt Opfer nötig seien. Ich bin nicht dieser Meinung. Für turbokapitalistischen Erfolg sind Opfer nötig. Aber wenn irgendwann immer mehr Menschen in einen temporären, selektiven Analphabetismus verfallen, nicht mehr denken, sich nicht mehr ausdrücken können – spätestens dann wird hoffentlich die Erkenntnis einsetzen, dass etwas fehlt, ohne das es sich nicht zu leben lohnt.
Quellen
Fabian Lehr – Kommt die KI-Apokalypse? (YouTube)
97% Prozent erkennen KI-Musik nicht mehr als KI-Musik


